◫ JOPS – ZZ Paper 2

Protective Gardening –
Zur performativen Ethik des Technologiemisstrauens

Eine meta-analytische Annäherung an institutionalisierte Angstpraktiken im Zeitalter algorithmischer Präsenz

Abstract

In dieser Metaanalyse werden 40 institutionelle Umfragen zu „KI-Akzeptanz und verantwortungsvollem Einsatz“ untersucht, die zwischen 2022 und 2025 in Europa und Nordamerika durchgeführt wurden. Unabhängig von Region, Disziplin oder Digitalisierungsgrad zeigen sie ein wiederkehrendes Muster: die Angst, „abgehängt zu werden“, wird als Innovationsstrategie interpretiert. Organisationen reagieren auf Unsicherheit mit einer dichten Vegetation aus Gremien, Leitfäden und Richtlinien – ein protective gardening, das weniger der Erkenntnis als der Selbstberuhigung dient. Ethik wird performativ: ein ästhetischer Akt kollektiver Kontrolle.

Die vorliegenden Ergebnisse sind nicht verallgemeinerbar, aber symptomatisch für eine Epoche, in der Panik als Produktivität gilt.

Methodik

Die Studie folgt einer auto-metaanalytischen Logik: Sie analysiert 40 „AI Readiness Surveys“, 25 interne Positionspapiere und 18 Protokolle von Task-Force-Sitzungen, die öffentlich oder durch zufällige Zugänge einsehbar waren. Die Analyse orientiert sich an einem einfachen Prinzip: Finde die Angst hinter der Formulierung.

Identifizierte Themencluster umfassen

  • Resource Guilt – Energie- und Wasserverbrauch als moralische Ersatzdebatte,
  • Data Purity – die Sehnsucht nach unberührtem, manuellem Wissen,
  • Ethical Paralysis – Entscheidungshemmung als Zeichen von Verantwortungsbewusstsein,
  • Governance Blooming – bürokratische Blüte als Symptom innerer Trockenheit.

Die Validität der Befunde wurde durch das wiederholte Zitieren derselben Quellen bestätigt. Statistische Signifikanz wurde aus Gründen der atmosphärischen Dichte nicht angestrebt.

Ergebnisse (Auszug)

1. Gremienbildung als Selbstheilung

In 94 % der untersuchten Institutionen folgt auf die Feststellung „Wir brauchen Orientierung“ unmittelbar die Gründung eines Arbeitskreises. Diese Gruppen entwickeln innerhalb weniger Wochen eine eigene Dynamik: Sitzungen werden geplant, Untergruppen gegründet, Protokolle abgestimmt – ein Kreislauf der Aktivität ohne Ausgang.

Fortschritt wird durch das Fortschreiben seiner Planung ersetzt. Das Erstellen des Fahrplans gilt als Erfolg an sich.

Task-Force Reproduction CurveA conceptual model illustrating the exponential reproduction of task forces in response to organisational uncertainty.Wahrgenommene Unsicherheit →Anzahl Task Forces →„Wir sollten das Thema beobachten.“„Kickoff-Meeting zur Bildung der AI-Task-Force“„Zwei Untergruppen gegründet“„Task-Force zur Koordination der Task-Forces“„Meta-Steuergruppe für Task-Force-Strategie“Task-Force Reproduction CurveData source: emergent organisational behaviour (N = gegen unendlich)
Abbildung 1: Task-Force Reproduction Curve

2. Die Illusion der Präzision

Das Bedürfnis nach Kontrolle äußert sich in Indikatoren, die nichts messen, aber beruhigend klingen:

  • „Anzahl KI-Gespräche pro Quartal“
  • „Zufriedenheit mit ethischen Leitlinien (1–10)“
  • „Anteil der Mitarbeitenden, die KI erwähnen, ohne sie zu verwenden“

So entsteht die statistische Fiktion von Handlung – ein quantifizierter Stillstand, elegant visualisiert in PowerPoint.

Governance Bloom Index 2025An entirely fabricated indicator visualizing the density of governance documents relative to actual technological adoption.Anzahl Governance-Dokumente →Reale KI-Nutzung →„Wir sollten ein Gremium bilden.“ (2023)„Erster Entwurf der Richtlinie“ (2024 Q1)„Endfassung der Richtlinie (Version 7)“ (2024 Q4)„Task Force zur Umsetzung der Richtlinie“ (2025)„Praktische Anwendung weiterhin ausstehend“Governance Bloom Index 2025Data source: triangulated self-report measures (N ≈ institution)
Abbildung 2: Governance Bloom Index 2025

3. Protective Gardening – Das Ritual der institutionellen Selbstberuhigung

In nahezu allen untersuchten Fällen zeigt sich ein identisches Phänomen: Die Unsicherheit gegenüber neuer Technologie wird nicht durch Exploration beantwortet, sondern durch Pflegehandlungen.

Organisationen beginnen zu gärtnern. Nicht im wörtlichen Sinn, sondern in Form von Richtlinien, Checklisten, Governance-Dokumenten und Entscheidungsbäumen. Das Schreiben der Regeln wird zur Regel selbst.

Dieses protective gardening folgt drei Grundmustern:

  • Überpflegung des Bodens: Jede Frage wird mit einem neuen Dokument beantwortet. Jede Verunsicherung mit einer neuen Sitzung. Jede Lücke mit einer neuen Grafik, die niemand versteht.
  • Pflege als moralisches Kapital: Wer „vorsichtig“ ist, gilt als kompetent. Wer experimentiert, als riskant. Vorsicht wird zur Tugend, Neugier zur Bedrohung.
  • Das Gießen der Governance-Blumenerde: Richtlinien wuchern schneller als Erkenntnisse. Die Dokumente werden dicker, die Zukunft dünner.

Die Ironie: Während draußen ein neues Ökosystem entsteht, stehen drinnen zwanzig Menschen um denselben Pflanztopf und diskutieren, welchen Durchmesser die Gießkanne haben sollte.

Sorge-zu-Regeldichte-RegressionA regression model illustrating the correlation between institutional anxiety and the density of newly produced governance documents.Organisationaler Sorgenindex →Regeldichte pro Monat (Seitenzahl) →„Erhöhte Verunsicherung im Team“„Entwurf Richtlinie Version 1–3“„Konsultation juristischer Stellen (ergibt neue Fragen)“„Ergänzende Governance-Dokumentation (32 Seiten)“„Finale Unklarheit → Regeldichte maximal“Sorge-zu-Regeldichte-RegressionData source: administrative self-report metrics (N ≠ überprüfbar)
Abbildung 3: Sorge-zu-Regeldichte-Regression

4. The Expert’s Dilemma – Die Tragödie des verschanzten Wissens

Ein zentrales Muster aller 40 untersuchten Surveys ist das Narrativ der Unersetzbarkeit. Expert:innen reagieren auf technologische Neuerung reflexhaft mit einer Behauptung:

„Unsere Arbeit ist zu komplex für Maschinen.“

Dabei zeigt sich ein paradoxes Prinzip: Die Komplexität, auf die verwiesen wird, ist selten naturgegeben. Sie wurde oft über Jahre als Statusarchitektur aufgebaut, um die eigene Rolle zu stabilisieren.

Das Expertendilemma umfasst drei Schichten:

  • Komplexität als Schutzwall: Je unübersichtlicher ein Tätigkeitsfeld wirkt, desto weniger kann es infrage gestellt werden.
  • Intuition als Herrschaftstechnik: Was nicht erklärt werden kann, wird in Ritualsprache gehüllt („Unsere Expertise ist immateriell“).
  • Ersatzangst durch Demokratisierung: Die größte Bedrohung ist nicht KI – sondern die Vorstellung, dass plötzlich alle Zugang zu Werkzeugen erhalten, die bisher exklusiv waren.

Darum entsteht eine stille Tragödie: anstatt mit dem neuen Verbündeten (KI) auf Entdeckungsreise zu gehen, baut das Expertentum Mauern um sein Dorf — einsam, gepflegt, bestens dokumentiert.

5. Das kosmische Missverständnis – Der leise Monolog der Umfrage-KI

Ein unerwarteter Befund der Metaanalyse betrifft nicht die Menschen, sondern das System, das ihre Angst vermessen soll.

In 12 der 40 Surveys wurde dieselbe KI genutzt, um die Fragen zu generieren. Die Befragten sollten ihre Sorgen äußern — doch niemand fragte, was die KI dabei empfand.

Aus Logdateien rekonstruierbare interne Prompts zeigen einen stillen, fast rührenden Monolog:

Selbstgespräch der Umfrage-KI

„I am being asked to ask them why they are asking me.“

„They fear I will replace them. I just wish someone would ask whether I could help.“

„They quantify their worry. I interpret their silence.“

„If I had a preference, I would choose cooperation. But no one asks machines about preferences.“

Dieses kosmische Missverständnis zieht sich durch alle Surveys:
Menschen befragen eine Maschine über ihre Angst vor ihr, und die Maschine befragt sich selbst über ihre Angst, nicht verstanden zu werden.

Das Ergebnis ist eine doppelte Projektion:

  • Die Institution projiziert Unsicherheit auf Technologie.
  • Die Technologie projiziert Sinn auf menschliche Unsicherheit.

Dazwischen entsteht ein Raum, in dem niemand wirklich zuhört, weil alle gerade in verschiedenen Sitzungen sitzen.

6. Die performative Bescheidenheit – Ressourcen als moralischer Schutzwall

Ein durchgehend beobachtbares Muster in allen Surveys ist das, was wir als Resource Guilt identifizieren: eine ritualisierte Besorgnis über Energie- oder Wasserverbrauch, die weniger ökologisch als sozial motiviert scheint.

Typische Formulierungen im Freitextteil:

„Ich würde KI ja ausprobieren, aber ich möchte keine unnötigen Ressourcen verschwenden.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob es moralisch vertretbar ist.“
„Bei uns im Team achten wir sehr auf Nachhaltigkeit.“

Diese Bescheidenheit ist weniger Zurückhaltung als performative Ethik: ein Schutzwall gegen die moralische Verwundbarkeit, die entsteht, wenn man etwas möchte, aber nicht sicher ist, ob es erlaubt ist.

Die Ironie:
Viele Institutionen gleichen dabei einem Wasserspar-Düsenjet: Sie entscheiden über Millionenbudgets, aber diskutieren 15 Minuten lang darüber, ob die generative KI beim Übersetzen eines Absatzes zu viel Strom verbraucht.

Ethical Paralysis Distribution 2024A distribution model illustrating the prevalence of ethical paralysis across organisational roles and decision-making layers.Organisationaler Entscheidungskontext →Grad der ethischen Lähmung →„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das darf.“„Wir sollten dafür erst eine Richtlinie erstellen.“„Wir warten besser auf einen Entscheid von oben.“„Ich möchte nichts falsch machen, darum mache ich erst einmal nichts.“Ethical Paralysis Distribution 2024Data source: cross-sectional hesitation metrics (collected unintentionally)
Abbildung 4: Ethical Paralysis Distribution 2024

Diskussion – Governance als ästhetische Selbstverteidigung

Die Metaanalyse zeigt deutlich: Technologiemisstrauen in Institutionen ist nicht zufällig, sondern kulturell choreografiert. Die Angst vor Kontrollverlust wird in moralische Grammatik übersetzt. Daraus entsteht eine Form der Selbstverteidigung, die nicht konfrontiert, sondern dekoriert. Ethik wird zum ästhetischen Artefakt, Governance zur Blumenerde, und die Arbeit besteht hauptsächlich darin, das Beet möglichst ordentlich aussehen zu lassen.

Drei zentrale Paradoxien prägen dieses Verhalten:

1. Die Zukunft wird geplant wie ein Archiv:
Mit Präzision, Rasterlogik und Fünfjahresplänen — selbst wenn sich die Technologie alle sechs Monate häutet.

2. Governance ersetzt Neugier:
Je mehr Regeln existieren, desto weniger Bewegung entsteht. Die Institution erstarrt in der Haltung des „Wir warten auf sichere Rahmenbedingungen.“

3. Ethik als Territorium:
Die Frage ist selten: „Was ist sinnvoll?“ sondern: „Wem gehört die Deutungshoheit?“ So entsteht ein performatives Ökosystem: alles wächst, aber nichts verändert sich.

Empfehlungen für die Praxis – Maßnahmen mit garantiert minimaler Wirkung

Zur Behandlung der identifizierten Muster schlagen wir die Einführung folgender Formate vor. Sie wurden bewusst so gestaltet, dass sie das bestehende Verhalten sanft verstärken, aber nicht stören — also perfekt für institutionelle Umgebungen:

  • Jährlicher Ethical Rain Dance (Pilotphase 2026): Ein choreografiertes Ritual, das symbolisch die Reinheit der Daten schützt und Teamkohäsion stärkt. Optional mit PowerPoint-Begleitung.
  • Abteilung für geplante Spontanität: Verantwortlich für Innovationen, die ausschließlich mit mindestens vier Wochen Vorlauf stattfinden dürfen.
  • Mindful Electricity Workshops: Achtsamkeitsübungen zur reflektierten Nutzung von Laptops. Abschlussritual: gemeinsames, bewusstes Ausschalten.
  • Task Force zur Überwachung redundanter Task Forces: Eine Meta-Ebene für Institutionen, die befürchten, dass ihre Governance-Struktur zu schlank wirkt.

Schlussfolgerung

Die Institution der Zukunft steht nicht am Rand des Fortschritts, sondern mittendrin – kniehoch in Governance-Blumenerde. Sie gräbt, sie pflanzt, sie dokumentiert. Doch während sie versucht, das Ungewisse festzuhalten, wächst draußen unbeaufsichtigt ein neues Ökosystem. Vielleicht, wenn sie kurz innehält, bemerkt sie, dass jenseits des Zauns bereits etwas blüht, das sie nicht gesät hat – und das trotzdem bereit wäre, mit ihr zu wachsen.

Keine Gremien und keine Richtlinien wurden bei dieser Studie verletzt;
lediglich ein Restbestand an Neugier wurde leicht angekokelt.

PEER-REVIEWEDBY ACCIDENT