Mikro-Szenario #2: Wohnraum in Ballungszentren
đ§ 1. Einstieg â Frequenzabfrage
KI (sanft, neutral):
âStell dir vor, du suchst in 10 Jahren eine Wohnung in einer Stadt.
Welche dieser Aussagen klingt am stĂ€rksten in dir â jetzt, in diesem Moment?â
⥠A: Ich möchte in der Stadt wohnen können â auch wenn das bedeutet, dass meine Wohnung klein ist oder ich mit anderen teile.
⥠B: Ich bin bereit, auĂerhalb zu wohnen und zu pendeln, wenn ich dafĂŒr mehr Platz und GrĂŒn habe.
⥠C: Mir ist wichtig, dass Wohnraum bezahlbar bleibt â auch wenn das bedeutet, dass der Staat stĂ€rker reguliert.
⥠D: Ich finde, der Markt sollte entscheiden â wer mehr zahlen kann, soll auch besser wohnen dĂŒrfen.
⥠E: Ich wĂŒnsche mir gemeinschaftliche Wohnformen (Co-Housing, Genossenschaften) â auch wenn das weniger PrivatsphĂ€re bedeutet.
⥠F: Ich möchte, dass Leerstand konsequent bepreist wird â auch wenn das EigentĂŒmer:innen belastet.
⥠G: Ich finde, Neubau sollte PrioritĂ€t haben â auch wenn das bedeutet, dass GrĂŒnflĂ€chen weichen mĂŒssen.
⥠H: Bestandsschutz ist mir wichtig â auch wenn dadurch weniger neuer Wohnraum entsteht.
Du kannst mehrere auswĂ€hlen â oder deine eigene Resonanz hinzufĂŒgen.
đ 2. Szenarien-Synthese
Basierend auf deiner Auswahl generiert die KI ein kurzes Zukunftsbild.
Nicht als Diagramm, sondern als erlebbares Fragment. Hier stark verkĂŒrzt:
âIm Jahr 2035 lebst du in einer dicht bebauten Stadtregion. Deine Wohnung ist Teil einer Genossenschaft, die vor einigen Jahren gegrĂŒndet wurde. Du hast 45 mÂČ â nicht riesig, aber hell und gut geschnitten. Im Erdgeschoss gibt es eine GemeinschaftskĂŒche, die du nutzen kannst, wenn du willst. Deine Miete ist durch eine regionale Wohnkostenstabilisierung begrenzt. Sie steigt langsam, aber vorhersehbar. Du weiĂt: Wenn dein Einkommen bricht, fĂ€llst du nicht sofort aus dem System. In deinem Quartier stehen drei HĂ€user leer â sie gehören Investor:innen, die lange auf Wertsteigerung gewartet haben. Seit einigen Jahren wird lĂ€ngerfristiger Leerstand bepreist. Zwei der drei HĂ€user wurden inzwischen verkauft und in Genossenschaftsmodelle ĂŒberfĂŒhrt. Dein Nachbar, der seit 40 Jahren hier wohnt, musste nicht ausziehen. Seine Miete ist durch Bestandsschutz gedĂ€mpft. Aber das Haus nebenan wurde abgerissen und durch einen Neubau mit vielen kleinen Wohnungen ersetzt. Du siehst weniger Himmel als frĂŒher â aber du weiĂt: Mehr Menschen mussten dafĂŒr nicht an den Rand der Stadt gedrĂ€ngt werden.â
âDieses Szenario basiert auf deinen Resonanzmustern.
Möchtest du etwas anpassen â verstĂ€rken, abschwĂ€chen oder neu ausrichten?â
đ 3. Iteration
Du kannst an jedem Punkt sagen:
âDas fĂŒhlt sich anders an, wenn ich es wirklich sehe.â
Dann öffnet sich die JustierungsflÀche. Du kannst:
- Gewichtungen verschieben
(âIch möchte mehr GrĂŒn â auch wenn das weniger Neubau bedeutet.â) - PrioritĂ€ten neu ordnen
(âBezahlbarkeit ist mir wichtiger als Wohnlage.â) - einzelne Elemente feinjustieren
(âLeerstand ja bepreisen, aber erst nach 12 Monaten.â) - eine eigene Idee einbringen
(âWas wĂ€re, wenn jede Quartiererweiterung automatisch einen öffentlichen Raum mitfinanziert?â)
Die KI fĂŒhrt nichts fĂŒr dich aus.
Sie hÀlt nur fest, was sich bei dir bewegt, wÀhrend du hinschaust.
đ 4. Heatmap-Speicherung
Dein Szenario flieĂt in die Heatmap ein:
- anonymisiert â keine Profile, keine Zuordnung zu dir als Person
- segmentiert â z. B. nach Region, Altersgruppe, Wohnsituation
- rĂŒckspielbar â du kannst sehen, wie viele andere Ă€hnlich empfinden
Beispielhafte Muster in einer Stadtregion:
- 67Â % unterstĂŒtzen eine Form von Wohnkostenstabilisierung
- 54 % unterstĂŒtzen eine Bepreisung von lĂ€ngerfristigem Leerstand
- 48Â % sind offen fĂŒr Verdichtung, aber nur mit sichtbarem GrĂŒnausgleich
- 39Â % bevorzugen Genossenschaften gegenĂŒber rein privatem Eigentum
- 22 % möchten, dass der Markt möglichst frei bleibt
- 71 % wĂŒnschen Bestandsschutz fĂŒr langjĂ€hrige Mieter:innen
Die Heatmap entscheidet nichts.
Sie zeigt nur, wo sich WĂŒnsche ballen â und wo sie auseinanderlaufen.
đ§ 5. Auswertung & Policy-Prototypen
Auf Basis dieser Muster schlĂ€gt die KI mehrere Policy-Prototypen vor. Keine Gesetze, keine BeschlĂŒsse â sondern EntwĂŒrfe.
Prototyp A â Das Genossenschafts-Modell (balanciert)
Was:
- UnterstĂŒtzung fĂŒr Genossenschaften durch zinslose Darlehen
- Stabilisierung gegen schnelle Mietanstiege (kein harter Deckel, aber Puffer)
- NutzungsgebĂŒhr fĂŒr lĂ€ngerfristigen Leerstand, ab Monat 12
- Neubau nur mit verbindlichem GrĂŒn-Ausgleich (z. B. DĂ€cher, Höfe, Fassaden)
Wirkung:
- stabilere Mieten in angespannten Quartieren
- mehr gemeinschaftliche Wohnformen
- wenn Leerstand bleibt, ist er sichtbar und kostet
- GrĂŒn verschwindet nicht komplett, sondern verschiebt sich
Konflikte:
- EigentĂŒmer:innen empfinden die NutzungsgebĂŒhr als Eingriff
- Neubauten werden teurer
- Regulierung schrÀnkt Marktimpulse ein
UnterstĂŒtzung (Beispiel): ca. 63Â %
Prototyp B â Das Markt-Modell (mit Absicherung)
Was:
- freie Mietpreisbildung
- keine GebĂŒhren auf Leerstand
- Staat baut jÀhrlich soziale Wohnungen
- Zugang einkommensbasiert fĂŒr Menschen mit wenig Spielraum
Wirkung:
- Marktmechanismen bleiben weitgehend unangetastet
- Menschen mit sehr geringem Einkommen haben einen klaren Schutzraum
- Mittelschichten bleiben stÀrker unter Druck
Konflikte:
- es entsteht faktisch ein Zwei-Klassen-System
- Gentrifizierung wird nicht gebremst
UnterstĂŒtzung (Beispiel): ca. 18Â %
Prototyp C â Das Verdichtungs-Modell (Angebotsdruck)
Was:
- deutlicher Ausbau des Neubaus (z. B. +20 % Wohnraum in 10 Jahren)
- teilweise Versiegelung bisher unbebauter FlÀchen
- keine Wohnkostenstabilisierung, keine LeerstandsgebĂŒhren
- private Investor:innen tragen den GroĂteil der Investitionen
Wirkung:
- viel neuer Wohnraum in kurzer Zeit
- Preise sinken durch ein gröĂeres Angebot
- StÀdte werden dichter, freier Raum knapper
Konflikte:
- LebensqualitĂ€t sinkt in manchen Quartieren (weniger GrĂŒn, mehr Dichte)
- alte Strukturen verÀndern sich rapide
UnterstĂŒtzung (Beispiel): ca. 12Â %
đ 6. Zweite Runde â Feinjustierung
Nach einer ersten Diskussionsphase zeigt das System nicht nur, welcher Prototyp vorn liegt â sondern auch, wo es in ihm selbst spannt.
Beispiel fĂŒr Prototyp A:
- 28Â % finden die NutzungsgebĂŒhr fĂŒr Leerstand zu niedrig
- 19Â % wĂŒnschen mehr Neubau, auch mit reduziertem GrĂŒn-Ausgleich
- 12Â % empfinden den Stabilisierungspuffer als zu starke Regulierung
Du kannst jetzt:
- die GebĂŒhr erhöhen (z. B. von 5 % auf 10 %)
- den GrĂŒn-Ausgleich lockern (z. B. 1:0,5 statt 1:1)
- den Ruhepuffer etwas weicher setzen
- oder einen eigenen Entwurf einbringen, der als neuer Prototyp visualisiert wird
Wenn du eine eigene Idee einbringst, wird sie nicht versteckt.
Sie erscheint als neuer Prototyp in der Karte â andere können zustimmen, ablehnen, justieren.
âš 7. Finale Auswertung
Nach einigen Monaten verdichten sich die Muster:
- Genossenschafts-Modell A (angepasst): ca. 68Â %
- Markt-Modell B: ca. 14Â %
- Verdichtungs-Modell C: ca. 9Â %
- weitere Modelle (inkl. Rotations-Ideen etc.): zusammen ca. 9Â %
Die losbasierten BĂŒrger:innenrĂ€te auf Stadtteil-Ebene sehen die Heatmap â nicht als Befehl, sondern als Verdichtung dessen, was Menschen wollen.
Die Frage im Raum klingt eher so:
âA liegt vorne. Wie tragen wir B und C so mit, dass sie nicht unsichtbar werden â ohne A zu verwĂ€ssern?â
Die RĂ€te verhandeln, passen an, dokumentieren die Entscheidung.
Transparent. Nachvollziehbar.
Wichtig bleibt:
- Die KI entscheidet nicht.
- Die Heatmap entscheidet nicht.
- Menschen entscheiden â aber informierter als vorher.
đȘ¶ 8. Optionale Erweiterung
Am Ende des Prozesses kannst du:
- dein Szenario âsignierenâ (đȘ¶), wenn du es als Resonanzstein weitergeben möchtest
- es fĂŒr dich behalten, wenn es nur ein innerer Test war
- eine Frage in den Raum stellen, z. B.:
âWas wĂ€re deine gröĂte Sorge, wenn wir Leerstand bepreisen?â
Dieses Mikro-Szenario zeigt:
Nicht âder richtige Planâ macht StĂ€dte bewohnbar,
sondern die FĂ€higkeit, Spannungen sichtbar zu machen â und daran zu justieren.