
Ein Land ohne Spiegel
Keine Gegenstimme.
Nur Oberfläche ohne Antwort.
Hier spricht jeder,
aber niemand wird gehört.
Sätze wandern wie verirrte Signale
durch einen Raum, der nichts zurücksendet.
„Ich bin gerecht.“
„Ich bin klug.“
„Ich bin Opfer.“
„Ich bin Sieger.“
Deklarationen wie Markierungen an einer Wand,
abgelegt im luftleeren Raum,
wo Echo und Widerstand gleichermaßen fehlen.
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Und weil niemand widerspricht,
wird jede Behauptung schwer.
Sie haftet an Haut und Stimme,
bis sie sich anfühlt wie Identität.
Wer hier widerspricht,
zerstört kein Argument –
er reißt Fugen in die Topografie.
Denn ohne Spiegel
wird jede Abweichung
als Angriff gelesen.
Nicht auf die Idee.
Auf das Selbst.
In diesem Land verblasst alles,
was nicht ausgesprochen wird.
Unmarkiertes verschwindet.
Unbenanntes verliert Substanz.
Erkennen geschieht nicht durch Nähe,
sondern durch Lautstärke.
Nicht durch Blickkontakt,
sondern durch Wiederholung.
Man erkennt sich selbst
nur noch daran,
wie hart man eine Linie zieht.
Doch manchmal,
fernab der Deklarationen,
öffnet sich ein stiller Teich —
kein Spiegel,
keine Bestätigung.
Nur eine Fläche,
in der etwas flimmert,
das dich nicht fragt,
wer du bist.
Und gerade deshalb
mehr weiß
als jede deiner Behauptungen.
