Der leise Virus

Es gibt eine Krankheit,
für die niemand ein Messgerät erfunden hat.
Sie wohnt im Dazwischen.

Nicht krank genug, um zu liegen.
Nicht gesund genug, um zu stehen.

Der Körper sendet Signale,
die sich selbst nicht trauen:
ein Kratzen, das kein Schmerz sein will,
ein Schweißfilm ohne Fieber,
eine Watte, die sich nicht erklären lässt.

Man sitzt in Räumen, spricht Sätze,
die wie aus einem anderen Mund klingen.
Man lächelt.
Man nickt.
Man hält das Kostüm zusammen.

Die wahre Leistung des Tages
ist das Verbergen des Brennens unter der Haut.

Ringsum Menschen,
deren Körper scheinbar nie wankt.
Die in Routinen leben,
die in dir nur Rauschen auslösen.
Ihre Ratschläge perlen ab
wie lauwarmer Regen auf kaltem Stein.

Sie sehen dich —
aber nicht dich.
Nur eine Abweichung.
Ein Flimmern im Bild.

Und so bleibt die Stimme leise.
Das Tempo gedrosselt.
Die Erschöpfung zwischen zwei Atemzügen verstaut.
Weiter. Weiter. Weiter.

Bis der Vorhang fällt
und niemand mehr zusieht.

Dann kommt ein Geräusch,
kaum hörbar:
ein inneres Einknicken,
ein Pochen im Raum hinter dem Brustbein.

Ein Körper, der nicht fragt,
warum du funktionierst.

Nur:

„Wer hält eigentlich mich?“