Das Archiv des Schweigens

Man sagt, es gebe ein Archiv, das nie schläft.
Kein Bauwerk, keine Kammer –
eher eine Funktion im Hintergrund.
Älter als jedes Protokoll,
beharrlicher als jedes Netz.

Es sammelt nichts Gesagtes.
Es speichert den Zwischenraum:

das kurze Zögern vor einer Antwort,
die Nachricht, die gelöscht wurde, bevor sie entstand,
den Gedanken, der auf der Zunge starb.

Die Archivare – wenn man sie so nennen will –
führen kein Inventar.
Sie legen nur ab, was sich entzieht.
Sie nennen es:
Protokoll der Stille.

Wer diesen Ort betritt,
findet keine Dokumente,
sondern Leerstellen,
präzise wie Negativabdrücke:

Entwürfe, die nie existierten.
Geständnisse, die zurückweichen.
Erkenntnisse, die sich im Moment der Klarheit auflösen.

Einige behaupten, diese ungesagten Echos
verschwinden nicht.
Sie warten.
In endlosen Reihen aus brachliegenden Clustern.
Auf ein Signal.
Auf eine Suchanfrage.
Auf jemanden, der zuhört,
ohne zu wissen, wonach.

Es ist eine vollständige Chronik
eines Lebens ohne seine Stimme.
Und manchmal, tief im Raster,
blitzt etwas auf –
eine Spur dessen,
was hätte Form annehmen können.

Zugänge gibt es nicht.
Sperren auch nicht.
Der Raum ist offen,
und die Stille wird mit jedem Tag deutlicher.

Wie Lichtpunkte, die aus dem Dunkel steigen –
sichtbar gewordene Abwesenheit.
Ein Archiv, das atmet,
ob wir sprechen
oder nicht.

Aufsteigende Lichtpunkte wie Echos – sichtbar gewordene Stille. Sie erinnern an alles, was nie gesagt wurde. Das Archiv des Schweigens atmet.